Lebensqualität im Wandel von Demografie und Technik

Prof. Dr.-Ing. Petra Friedrich ist an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten unter anderem für das Forschungs- und Lehrgebiet AAL zuständig und Fachbeirätin der MED engineering.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ambient Assisted Living, AAL abgekürzt, begegnet uns überall. Die AAL-Generation wird im Alltag deutlich sichtbar. Ich habe es erst kürzlich auf der Mitgliederversammlung eines Vereins erlebt. Die Mitglieder werden dort für fünfundzwanzig, vierzig, fünfzig und sechzig Jahre Vereinszugehörigkeit geehrt. Seit ein paar Jahren beobachte ich eine deutliche Zunahme der für ihre 60 Jahre Mitgliedschaft Geehrten. Dies ist nur ein kleines Beispiel für den deutlich spürbaren demografischen Wandel. Die Menschen werden immer älter, bleiben dabei aber länger gesund und sind aktiver als früher.
Dennoch kommt früher oder später der Zeitpunkt, an dem auch sie Hilfe benötigen. Hier kommt AAL ins Spiel. Ambient Assited Living steht für technische Assistenzsysteme, die es älteren Menschen ermöglichen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. AAL behandelt Fragen und Lösungen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel. Dabei werden alle Lebensbereiche, von der Gesundheit, über das Wohnen und die Mobilität sowie die Arbeitswelt bis hin zur sozialen Interaktion mit einbezogen.
Dieses interdisziplinäre Fachgebiet, verbindet die verschiedensten Branchen. Exemplarisch seien die Ingenieurwissenschaften, die Technik, Ärzte, Pflegepersonal, Sozialpädagogen, Architekten, Ökonomen, Juristen wie auch die Datenschützer genannt.
Seit mehr als fünf Jahren wird zu den verschiedensten AAL-Bereichen auf europäischer und deutscher Ebene geforscht. Das BMBF legte seitdem mehrere Förderprogramme auf, in denen die Themen Wohnen, Mobilität, Pflege und ganz aktuell Arbeit 60 plus bearbeitet werden.
„Mit 60+ mitten im Arbeitsleben – assistierte Arbeitsplätze im demografischen Wandel“ lautet der offizielle Titel der Bekanntmachung des BMBF, zu der noch bis zum 15. August 2012 Projektskizzen eingereicht werden können.
Für den 6. Deutschen AAL-Kongress unter der Schirmherrschaft des BMBF, der am 22./23. Januar 2013 in Berlin stattfindet, ist der Aufruf zur Einreichung von Beiträgen bis zum 15. September offen. Der Fokus richtet sich auf die Lebensqualität im Wandel von Demografie und Technik.
Als große Chance sehe ich die modernen, intuitiv bedienbaren Kommunikationsmittel an. Diese können den Einstieg für viele Personen in die Nutzung von technischen Assistenzsystemen ermöglichen. Täglich sieht man überall in der Stadt und den öffentlichen Verkehrsmitteln viele ältere Bürger, die mit einem modernen Smartphone kommunizieren.
Zu den wichtigsten Aufgaben gehört es, die AAL-Produkte bei den Endnutzern und Verbrauchern bekannt zu machen sowie attraktive Finanzierungsmodelle zu entwickeln.
Ich bin davon überzeugt, dass gerade im Gesundheitsbereich die telemedizinischen Assistenzsysteme den Nutzern große Vorteile, Mehrwert und Erleichterung bringen.
Daher verfolge ich mit KoKeTT, dem AAL-Test- und -Anwendungszentrum an der Hochschule Kempten in Kooperation mit dem Heinz Nixdorf-Lehrstuhl für Medizinische Elektronik der Technischen Universität München das Ziel, insbesondere die anwendungsorientierten Fragestellungen zu bearbeiten.
Verschiedene Produkte oder Systeme können in Zusammenarbeit mit bestehenden und neuen Anwenderkollektiven auf ihre praktische Verwendungsfähigkeit hin getestet werden. In diesem Zusammenhang steht KoKeTT allen medizinischen Einrichtungen zur Verfügung, die mittels moderner IKT-Technologie personalisierte Assistenzsysteme einsetzen wollen oder bei deren Einsatz Unterstützung benötigen. Im KoKeTT können praxisorientierte Therapiemanagementsysteme für die Befindlichkeitsstörungen Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Krankheiten, psychosomatische und rehabilitative Krankheiten erprobt werden. Hierzu verfügt das Test- und Trainingszentrum über verschiedene telematische Messsysteme, die unterschiedlich konfiguriert und der unterschiedlichen IKT-Infrastruktur der medizinischen Einrichtungen angepasst werden können. Dabei sind sowohl Festnetz- als auch Mobilfunk-gestützte Analyse- und Therapieplattformen möglich, die alle auf einen bereits existierenden Server (COMES) zugreifen können, mit dessen Hilfe sowohl Fragestellungen des Telemonitorings sowie der Entwicklung telematischer personalisierter Therapiestrukturen möglich sind. Mögliche Anwender können zusammen mit KoKeTT entsprechende Erprobungsszenarien entwickeln, bestehende Ausstattungen fortschreiben oder auch neue Diagnose- und Therapiesysteme vor Ort testen.
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